Wo willst du leben?

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, Abbruch und Aufbruch: Die Lausitz sucht ihre Zukunft.

Liegt das Glück in der Lausitz?

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten


„Hier bin ich geborn, wo die Kühe mager sind wie das Glück, hier hab ich meine Liebe verlorn und hier krieg ich sie wieder zurück“, singt der Lausitzer Liedermacher Gerhard „Gundi“ Gundermann in einem seiner Songs. Wo wir das Glück finden, haben auch wir uns gefragt und uns fernab der Metropolen auf die Suche gemacht. Von Berlin über Cottbus und Klein Priebus bis nach Senftenberg sind wir für unsere Recherche durch die Lausitz gereist, die auf den ersten Blick eher weniger vom Glück gesegnet scheint. Das kleine Fleckchen Land im Süden Brandenburgs und Osten Sachsens schaut seiner Zukunft eher hoffnungslos als hoffnungsvoll entgegen (Studie zum Regionalimage). Zwischen den rauchenden Braunkohle-Kraftwerken, die in den kommenden Jahrzehnten abgeschaltet werden sollen, grauen Fassaden, Arbeitslosigkeit, Abwanderung und dem Druck der „rechten Szene“ machen sich Unsicherheit und Resignation breit. Doch ländliche Regionen wie die Lausitz bieten auch viel ungenutztes Potential. So findet sich hier zum Beispiel Raum, sich zu entfalten, zu gestalten, sich zu engagieren, politisch zu sein – und so vielleicht doch glücklich zu werden?

Fluch und Segen: die Krux mit der Kohle

In Hoyerswerda ist der „singende Baggerfahrer aus der Lausitz“, Gerhard Gundermann, zwar nicht geboren, aber aufgewachsen – umgeben von den riesigen Tagebauen der DDR. Hier hat er selbst über 20 Jahre lang Braunkohle abgebaggert und nebenbei einfühlsame Lieder geschrieben. Die Arbeit im Tagebau und ihr Einfluss auf die Menschen findet auch immer wieder Eingang in seine Texte. Das Leben des widersprüchlichen Künstlers mit der Stasi-Vergangenheit hat Regisseur Andreas Dresen im August 2018 auf die Kinoleinwand gebracht – und so vielleicht auch die Lausitz und ihre Bergbau-Geschichte ein Stück weit über den deutschen Osten hinaus bekannt gemacht.

Schaufelradbagger im Tagebau Welzow. (Quelle: Unsplash)

Schaufelradbagger im Tagebau Welzow. (Quelle: Unsplash)

Seit mehr als hundert Jahren wird in der Lausitz Braunkohle gefördert. Die Region galt als schwarzes Herz der DDR, versorgte den gesamten sozialistischen Staat mit Strom. Aber auch Dampfkraft, Fernwärme, Briketts, Koks, Teer, Öl und Gas wurden aus der Kohleförderung gewonnen. Neben seinem wirtschaftlichen Wert kam dem schwarzen Gold aber auch eine soziale Bedeutung zu. Die Menschen, die ihr täglich Brot hier verdienten, schätzten ihre Arbeit. Ganze Familien fanden Beschäftigung. Der Braunkohlebergbau verwandelte jedoch große Teile der DDR in eine Mondlandschaft – was mit großen persönlichen und kulturellen Verlusten verbunden war. Mehr als 130 Dörfer mussten für die Kohlebagger weichen. Tausende Menschen verloren ihre Heimat – und somit unwiederbringlich Lebenswerke. Mit Geschichte und Bedeutung der Braunkohle für die Lausitz und Mitteldeutschland setzt sich der MDR in einer multimedialen Reportage ausführlich auseinander.

Von Landschaften, die nicht blühten

Im Zuge des Einigungsprozesses ab ‘89/’90 hat die Lausitz einen gravierenden Strukturbruch zu spüren bekommen. Gab es 1990 noch 17 Tagebaue und 21 Brikettfabriken, betreibt die Lausitzer Energie Bergbau AG (LEAG) inzwischen noch vier Tagebaue: Jänschwalde, Welzow-Süd, Nochten und Reichwalde.

Wie viele Menschen haben 1989 im Braunkohlebergbau gearbeitet?

Richtig! Im Jahr 1989 haben 79.016 Menschen im Bergbau gearbeitet.

Nicht ganz. Im Jahr 1989 haben 79.016 Menschen im Bergbau gearbeitet.

Heute arbeiten nur noch ca. 8.000 Menschen direkt im Braunkohlebergbau (Zahlen für 2017 des DEBRIV, Bundesverband Braunkohle). Hinzu kommen etwa 500 Unternehmen mit ca. 16.000 Arbeitnehmern, die als Service- und Zulieferbetriebe von der Kohle- und Energiewirtschaft abhängen. Und mit den Jobs, die nicht nur in der Kohlewirtschaft nach und nach verschwanden, sind die Menschen gegangen. Die Lausitz hat etwas mehr als ein Fünftel ihrer Einwohner verloren. Während 2012 nur 1,1 Mio. Menschen hier lebten und arbeiteten, waren es 1990 noch knapp 1,4 Mio. (ifo Institut, 2014). Viele Städte und Dörfer haben ein Drittel, manche fast die Hälfte ihrer Einwohner eingebüßt. Vielerorts hielt Einsamkeit Einzug. Über diese können auch die Touristen, die die künstlich erzeugte Seenlandschaft und der historische Spreewald anlocken, nicht hinwegtäuschen. Von den lebenswerten „blühende[n] Landschaften“, die Helmut Kohl dem Osten im Wahlkampf einst versprach, konnten die Lausitzer nur träumen. Derlei unerfüllte Verheißungen ließen aus der Einigkeits-Euphorie teils Enttäuschung werden, die sogar heute noch spürbar ist.

Als „liegender Eiffelturm“ wird die Förderbrücke F60 in Lichterfeld bezeichnet. Sie ist 502m lang, 202m breit und 80m hoch – und damit eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt. (Quelle: pixabay)

Als „liegender Eiffelturm“ wird die Förderbrücke F60 in Lichterfeld bezeichnet. Sie ist 502m lang, 202m breit und 80m hoch – und damit eine der größten beweglichen Arbeitsmaschinen der Welt. (Quelle: pixabay)

Es bleibt: ein eher trauriges Bild der einst wirtschaftlich erfolgreichen Gegend. Der Dokumentarfilm „Eine Stadt schmilzt“ von Philipp Baumgärtner, Sören Engels, Marie Teufel und Eva Wübben illustriert den Strukturbruch beispielhaft anhand der Stadt Weißwasser. Die etwa 16.000 Einwohner große Stadt in der Oberlausitz war zur Jahrhundertwende stolzes Zentrum der Glasproduktion. Aber wo früher Fensterglas und geschliffenes Kristallglas hergestellt wurden, sind heute vor allem Scherben. Jetzt droht auch die Kohleindustrie zu verschwinden. Die Folge: kommunale Finanzspielräume schrumpfen. Für Soziales, Kultur und Sport ist immer weniger Geld da. Aber engagierte Anwohner wie Robert Seidel, Anett Felgenhauer und Maik Kutschke geben nicht auf und kämpfen für ein aktives und abwechslungsreiches Zusammenleben.

Mutig ins Morgen: Wie geht es weiter?

Die Fragen, wann und wie Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigt und was danach kommt, werden von den Lausitzern angesichts ihrer Geschichte leidenschaftlich bis unerbitterlich diskutiert. Eine Zerreißprobe, die sich durch Familien und Freundeskreise zieht. Akribisch wurde die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ daher von hier aus beobachtet. Im Januar 2019 stellte die sogenannte „Kohlekommission“ in ihrer Abschlusssitzung dann die Ergebnisse ihrer mehr als sechsmonatigen Verhandlungen vor. Nun ist es offiziell: im Jahr 2038 soll Schluss sein mit der Kohle. Von Gewerkschaftern gelobt, von Umweltschützern für zu spät empfunden, bleibt das Datum in der Diskussion. Und die Fragen: Was muss passieren, damit die Geschichte der Lausitz keine Geschichte ungenutzter Chancen bleibt? Welche Möglichkeiten stecken in dem apokalyptisch scheinenden Szenario? Das haben wir acht Menschen gefragt, die die Region aktiv gestalten und ihr so schon heute ein Stück Zukunft geben – denn hinter dem Abbruch steckt auch ein Aufbruch.

Senftenberger See (Quelle: pixabay)

Senftenberger See (Quelle: pixabay)

Wer kommt zu Wort?

Die Lausitz hat eine Zukunft – davon ist der 31-jährige Alexander Dettke überzeugt. 2013 gründete er gemeinsam mit Freunden das Kunst- und Musikfestival Wilde Möhre auf einem alten Tagebaugelände bei Drebkau. Dettke, der lange in Chicago und Japan gelebt hat, kam 2009 zum Studieren nach Berlin. Gemeinsam mit seinen Freunden initiierte er einen philosophischen Zirkel, von dem er sich Antworten auf die großen Fragen des Lebens versprach: Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Welche Werte zählen? Die vielen Berliner Freiluft-Partys inspirierten Dettke und seine Freunde damals dazu eigene Veranstaltungen zu organisieren – und diese mit ihrer Philosophie eines guten Lebens zu verbinden. Für die Utopie, die sich Dettke und seine Freunde ausgemalt hatten, war Berlin jedoch irgendwann zu klein, zu oberflächlich, zu destruktiv. Daraufhin suchte er nach einem Platz mit Paradiespotential – und fand ihn in der südbrandenburgischen Pampa.
Wo 1986 noch das Dorf Radeweise eingezeichnet war, findet sich auf der Karte heute ein weißer Fleck. Ihren Heimatort nahe Spremberg gibt es nicht mehr. Christina Grätz gehört zu den schätzungsweise 120.000 Menschen, die ihr Zu Hause für die Kohle verlassen mussten. In ihrer Jugend hat die heute 44-Jährige gegen die „Scheißkohle“ demonstriert. Aber das ist lange her. Als sie erwachsen wurde, merkte sie, dass sie den Kohleabbau nicht verhindern kann – und konzentrierte sich stattdessen darauf, der Natur etwas wiederzugeben. Nachdem die studierte Biologin zehn Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet hatte, hat sie 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Seither bringt sie ehemalige Tagebaue mit ihrer Firma Nagola Re wieder zum Blühen – und ist damit sehr gefragt, Dass ihre Idee so einschlägt, hat Christina Grätz während der Gründung nicht geahnt. Der Start war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Damit es andere Gründer künftig einfacher haben, mit ihren Ideen in der Wirtschaft Fuß zu fassen, wünscht sie sich weniger Bürokratie und mehr Flexibilität.
Nicht nur, weil er selbst 1981 in der geteilten Stadt Guben geboren ist, ist Juniorprofessor Holger Seidlitz die Zusammenarbeit mit Polen wichtig. In der internationalen Kooperation sieht er noch viele ungenutzte Chancen für die Zukunft der Lausitz. Vor allem die einseitig national ausgerichtete Förderkultur schränke länderübergreifende wissenschaftliche Projekte derzeit noch ein. Seit März 2015 leitet Holger Seidlitz das Fachgebiet Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen an der BTU Cottbus-Senftenberg. Sein Spezialgebiet sind Neuentwicklungen im Bereich der Faserverbundwerkstoffe. Mit seinen Studierenden hat er u.a. ein neuartiges, besonders robustes Snowboard aus über 10 Schichten verschiedenster Materialien konstruiert und gebaut. Davor hat er in Senftenberg, Dresden und Chemnitz studiert, promoviert und gearbeitet. Die Geschichte des heute 37-Jährigen ist so auch die eines erfolgreichen Rückkehrers, der die Zukunft im Süden Brandenburgs aktiv mitgestaltet.
Als Christine Herntier 2014 die freie Wirtschaft verließ und zur Bürgermeisterin Sprembergs gewählt wurde, ahnte sie nicht, wie vielen Papierbergen sie sich stellen muss, um etwas zu verändern. Nach fünf Jahren sagt sie, habe sich eine gewisse Resignation eingestellt, doch sie kämpft für Spremberg und die Region. Denn so einen Einbruch wie in den 90er Jahren will sie nicht noch einmal erleben. Als Sprecherin der Lausitzrunde vertrat sie die Lausitz in den Verhandlungen der Kommission für Wachstum, Struktur und Beschäftigung. Die Empfehlungen der Kommission seien eine Chance, nun brauche es Mut, sie zu ergreifen. Christine Herntier ist geboren und aufgewachsen in Spremberg.
2010 hat Jan Hufenbach die Liebe nach zehn Jahren Vollgas in Berlin gut 200 km südlich in den Landkreis Görlitz gezogen. Dort lebt und arbeitet der Raumpionier nun in einem kleinen Dorf mit ungefähr 80 Einwohnern direkt an der polnischen Grenze, also ziemlich „janz weit draußen – vor der Stadt, vor den Metropolen“, dort wo sich Wolf, Wildschwein und Kranich gute Nacht wünschen. Er sagt: „Aus der Großstadt „aufs Land“ zu wechseln ist ein gewaltiger Schritt. Es ist eben doch ganz schön anders. Es ist aber auch – ohne diesen Schritt zu verkitschen – wirklich ganz schön dieses Anderssein.“
Die im Rahmen des Strukturwandels diskutierte Digitalisierung ist für Michael Freudenberg eine Frage des Mindsets: „Das, was in den Köpfen ankommen muss, ist eine Denkweise. Wie muss ich denken, um mich in unserer Welt weiterzuentwickeln und weiter voranzukommen?“ Dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens dabei mitgenommen werden, sei eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Michael Freudenberg ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur neuZiel in Senftenberg. Seine Agentur erstellt Webseiten, entwickelt webbasierte Anwendungslösungen und berät Unternehmen auf ihrem digitalen Weg in die Zukunft. Bis 2014 war er als Administrator an der Hochschule Lausitz in Cottbus tätig – bevor er die Selbstständigkeit wagte.