Arbeiten und Leben

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, Abbruch und Aufbruch: Die Lausitz sucht ihre Zukunft.

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Wer für die Zukunft plant, ist meist gut damit beraten, auch die Vergangenheit im Blick zu haben. Wenn dieser Blick dann ab und zu noch über den Tellerrand oder zumindest über den Atlantischen Ozean wandert, ist das ebenfalls nicht verkehrt. Dort wäre zu sehen, dass sich die größte Industrieregion der USA bereits in den 1970er Jahren mit einem Strukturwandel ganz ähnlicher Art konfrontiert sah. Aufgrund der Stahlkrise mussten hunderte Kohlegruben geschlossen werden und der Manufacturing Belt wurde zum sogenannten Rust Belt. Dies wurde mancherorts besser verkraftet, in anderen Gebieten eher schlecht. Wirtschaftlich „gut“ weggekommen sind vor allem Städte mit Forschungseinrichtungen und Universitäten. Wenn die Forschung spricht, sollte besonders gut zugehört werden. Und da Zuhören generell nicht verkehrt ist, hören wir hier, was die Lausitzer Locals zur Lausitzer Wirtschaft zu sagen haben.

Prof. Holger Seidlitz, der grenzenlose Gelehrte

„Was für die Lausitz ein spezielles Problem wird und auch in Zukunft sein wird, ist der Fachkräftemangel. Es gibt viele Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, denen es nicht mehr gelingt, in ausreichendem Maße Nachwuchs zu rekrutieren. Ich denke, da ist es auch im Interesse vieler Unternehmer in der Grenzregion, sich noch enger zu verzahnen, stärker zu vernetzen mit den polnischen Partnern und Nachbarn.“

Der Universitätsprofessor aus Cottbus sieht in internationaler Kooperation großes Potential. Dadurch könnte nicht nur der Weg für neue Forschungszweige geebnet, sondern mit Hilfe von Austauschprogrammen auch dem viel diskutierten Fachkräftemangel entgegengewirkt werden. Denn seit 1990 haben vor allem junge Menschen in Hoffnung auf eine bessere Zukunft Brandenburg verlassen. Zwar steigt der Anteil jener, die wieder zurückkommen, dennoch lässt sich nicht ausblenden, dass die Einkommen in Ostdeutschland im Vergleich zu den alten Bundesländern nach wie vor geringer sind. Dass sich in manchen Branchen das Gehalt fast halbiert, ist leider keine Seltenheit.

Christine Herntier, die pragmatische Politikerin

„Wir haben es mit einem politikgetriebenen Kohleausstieg zu tun. Wenn man sich die Strukturdaten der Braunkohlereviere in Deutschland anschaut, dann wird man sehen, dass die Lausitz die schlechtesten Voraussetzungen hat, um diesen Strukturwandel erfolgreich gestalten zu können.“

Da sich der Strukturwandel vor allem auf die wirtschaftlichen Strukturen bezieht, sind die Voraussetzungen für die Lausitz tatsächlich mau. Die Region ist wirtschaftlich nahezu komplett von der Braunkohle abhängig und könnte ohne Probleme als Globalisierungsverliererin bezeichnet werden. So ziemlich jede Zukunfts-Studie, egal ob über wirtschaftliche Risiken, Möglichkeiten des Wachstums oder Chancen durch Digitalisierung, platziert Lausitzer Landkreise auf den hinteren Rängen. Daraufhin sind sich die Ökonom*innen jedes Mal einig: Abgehängte Regionen und ihre Bewohner*innen müssten mit Geld entschädigt werden. Das nennt sich Umverteilung und ist das Gegenteil von der aktuellen Situation in Deutschland. Denn die Entwicklung der Vermögensverteilung zeigt, dass die Reichen immer reicher werden, die Armen immer ärmer und die Kluft dazwischen immer größer wird.

Micha, der solide Startupper

„Was jeder will, ist sich bloß selbst verwirklichen. Keine Ahnung, eine Familie gründen, ganz, ganz solides Dasein haben und diese Rahmenbedingungen müssen passen. Dass man sagt: Okay es gibt Wohnraum, Freizeitangebote. Das ist natürlich schwierig, wenn die Strukturen noch alt sind.“

Und sie werden noch älter. Der demografische Wandel gilt neben der Globalisierung und Digitalisierung als einer der sogenannten Megatrends. Und auch dabei haben es die ländlichen Regionen besonders schwer. Denn die jungen Menschen tun das, was die Alten nicht mehr können oder wollen: Wegziehen. Und auch wenn es in Brandenburg mittlerweile unzählige Rückkehr-Initiativen und Fördermöglichkeiten für Rückkehrer*innen gibt, wird in der Wirtschaft und Politik zu gern vergessen, dass Fachkräftemangel nicht nur auf ungünstige Arbeitsbedingungen zurückzuführen ist, sondern in weiten Teilen auch von der erwarteten Lebensqualität abhängt. Für die eigene Selbstverwirklichung ist heute nicht mehr nur der Beruf ausschlaggebend, sondern auch die Gestaltungsfreiheit des Freizeitlebens. Dafür braucht es Möglichkeiten politischer und sozialer Teilhabe ebenso, wie die Förderung alternativer Wohn- und Lebenskonzepte inklusive einer vielschichtigen Kulturszene.

Christina, die faszinierte Forscherin

„Wir müssen einfach größer und anders denken in der Lausitz. Ich finde es schrecklich, dass wir uns jetzt alle klein machen, als ob wir nur die Kohle sind – das ist doch Quatsch! Hier gibt‘s viele tolle Unternehmen, die weltweit tätig sind, wir haben mehrere Hidden Champions hier, Weltmarktführer – man weiß es nur nicht.“

Hidden Champions sind Unternehmen, die innerhalb ihrer Branche zwar Weltmarktführer, in der Öffentlichkeit jedoch relativ unbekannt sind. Dass das Phänomen in Deutschland mindestens genauso verbreitet wie Jagdwurst mit Spargel ist, lässt sich unter anderem auf die deutsche Teilung zurückführen. Nach dem Krieg haben viele Familienunternehmen Berlin verlassen und sind in der Provinz gelandet. Im ländlichen Raum konnten sich die Firmen problemlos etablieren und zu Unternehmen von internationaler Relevanz heranwachsen. So finden sich heutzutage in der Lausitz nicht nur ein weltbekannter Spülmittelhersteller, sondern auch der größte Liebesperlen-Exporteur Deutschlands, gemeint sind die Süßigkeiten. Da viele der Hidden Champions auf eine lange Firmenhistorie zurückblicken können, ihre Geschichtsaufarbeitung jedoch meist lückenhaft ist, sollte bei allem Respekt auch der kritische Blick auf eine mögliche NS-Vergangenheit nicht ausbleiben.

Jan, der richtungsweisende Raumpionier

„Es wird davon gesprochen, dass viele Bundesbehörden sich in der Lausitz ansiedeln. Ja, super! Da kommt ein ganz anderer Wind hier ein. Das ist ja auch das Thema der Raumpioniere, das wi“r sagen, wir wollen Städter deswegen hier haben, weil wir davon ausgehen, dass sie ihr Lebensmodell mitbringen.“

Da der öffentliche Dienst überall gleich bezahlt wird, hätten Verbeamtete in der Lausitz einen hohen Reallohn, da die Lebenshaltungskosten vergleichsweise niedrig sind. Und möglicherweise würden sich Lausitzer*innen weniger abgehängt fühlen, wenn der Staat durch die ein oder andere Behörde mehr Präsenz zeigt. Das macht aber nur bei Neugründung oder Ausbau bestehender Strukturen Sinn, denn ein Behördenumzug würde neue Problemfelder eröffnen. Zum einen würde die Behörde an ihrem ursprünglichen Standort ein Vakuum hinterlassen und zum anderen müssten auch die Arbeitnehmer*innen zu einem Standortwechsel bereit sein. Sonst sinkt die Arbeitsmoral.

Alex, der konstruktive Kulturschaffende

„Ein großer Nachteil ist momentan noch die schlechte Internetstruktur. Da wird‘s aber sicherlich in den nächsten Jahren was geben. Das Internet ist der größte einzelne Faktor, den man eigentlich relativ einfach beeinflussen könnte.“

Ja, ja, die Sache mit dem Internet. Das Medium mit dem Potential weltweiter Teilhabe verursacht in der Lausitz vor allem ländlichen Frust. Der kostspielige Glasfaserausbau auf dem Land war für die großen Anbieter wirtschaftlich nie sonderlich attraktiv und daran wird ohne öffentliche Steuerung auch eine 5G-Modellregion wenig ändern. Die digitale Erschließung der Provinz ist sozusagen Staatsaufgabe. Und sollte bald passieren, denn eine Faustregel lautet, ohne schnelles Internet kein Aufschwung. In einigen Jahren wird die digitale Infrastruktur für die Wirtschaft einer Region eine wichtigere Rolle spielen als ihre geografische Lage. Aber abgesehen davon bedeutet Anbindung an das Internet auch Anbindung an die Welt. Jegliche Verbesserung auf diesem Gebiet würde dem Gefühl des Abgehängtseins in der Bevölkerung entgegenwirken. Die Alternative wäre ein überarbeitetes Tourismuskonzept, welches die Lausitz als bewusst empfangsfrei gehaltenen Kurort vermarktet.

Wer kommt zu Wort?

Die Lausitz hat eine Zukunft – davon ist der 31-jährige Alexander Dettke überzeugt. 2013 gründete er gemeinsam mit Freunden das Kunst- und Musikfestival Wilde Möhre auf einem alten Tagebaugelände bei Drebkau. Dettke, der lange in Chicago und Japan gelebt hat, kam 2009 zum Studieren nach Berlin. Gemeinsam mit seinen Freunden initiierte er einen philosophischen Zirkel, von dem er sich Antworten auf die großen Fragen des Lebens versprach: Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Welche Werte zählen? Die vielen Berliner Freiluft-Partys inspirierten Dettke und seine Freunde damals dazu eigene Veranstaltungen zu organisieren – und diese mit ihrer Philosophie eines guten Lebens zu verbinden. Für die Utopie, die sich Dettke und seine Freunde ausgemalt hatten, war Berlin jedoch irgendwann zu klein, zu oberflächlich, zu destruktiv. Daraufhin suchte er nach einem Platz mit Paradiespotential – und fand ihn in der südbrandenburgischen Pampa.
Wo 1986 noch das Dorf Radeweise eingezeichnet war, findet sich auf der Karte heute ein weißer Fleck. Ihren Heimatort nahe Spremberg gibt es nicht mehr. Christina Grätz gehört zu den schätzungsweise 120.000 Menschen, die ihr Zu Hause für die Kohle verlassen mussten. In ihrer Jugend hat die heute 44-Jährige gegen die „Scheißkohle“ demonstriert. Aber das ist lange her. Als sie erwachsen wurde, merkte sie, dass sie den Kohleabbau nicht verhindern kann – und konzentrierte sich stattdessen darauf, der Natur etwas wiederzugeben. Nachdem die studierte Biologin zehn Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet hatte, hat sie 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Seither bringt sie ehemalige Tagebaue mit ihrer Firma Nagola Re wieder zum Blühen – und ist damit sehr gefragt, Dass ihre Idee so einschlägt, hat Christina Grätz während der Gründung nicht geahnt. Der Start war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Damit es andere Gründer künftig einfacher haben, mit ihren Ideen in der Wirtschaft Fuß zu fassen, wünscht sie sich weniger Bürokratie und mehr Flexibilität.
Nicht nur, weil er selbst 1981 in der geteilten Stadt Guben geboren ist, ist Juniorprofessor Holger Seidlitz die Zusammenarbeit mit Polen wichtig. In der internationalen Kooperation sieht er noch viele ungenutzte Chancen für die Zukunft der Lausitz. Vor allem die einseitig national ausgerichtete Förderkultur schränke länderübergreifende wissenschaftliche Projekte derzeit noch ein. Seit März 2015 leitet Holger Seidlitz das Fachgebiet Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen an der BTU Cottbus-Senftenberg. Sein Spezialgebiet sind Neuentwicklungen im Bereich der Faserverbundwerkstoffe. Mit seinen Studierenden hat er u.a. ein neuartiges, besonders robustes Snowboard aus über 10 Schichten verschiedenster Materialien konstruiert und gebaut. Davor hat er in Senftenberg, Dresden und Chemnitz studiert, promoviert und gearbeitet. Die Geschichte des heute 37-Jährigen ist so auch die eines erfolgreichen Rückkehrers, der die Zukunft im Süden Brandenburgs aktiv mitgestaltet.
Als Christine Herntier 2014 die freie Wirtschaft verließ und zur Bürgermeisterin Sprembergs gewählt wurde, ahnte sie nicht, wie vielen Papierbergen sie sich stellen muss, um etwas zu verändern. Nach fünf Jahren sagt sie, habe sich eine gewisse Resignation eingestellt, doch sie kämpft für Spremberg und die Region. Denn so einen Einbruch wie in den 90er Jahren will sie nicht noch einmal erleben. Als Sprecherin der Lausitzrunde vertrat sie die Lausitz in den Verhandlungen der Kommission für Wachstum, Struktur und Beschäftigung. Die Empfehlungen der Kommission seien eine Chance, nun brauche es Mut, sie zu ergreifen. Christine Herntier ist geboren und aufgewachsen in Spremberg.
2010 hat Jan Hufenbach die Liebe nach zehn Jahren Vollgas in Berlin gut 200 km südlich in den Landkreis Görlitz gezogen. Dort lebt und arbeitet der Raumpionier nun in einem kleinen Dorf mit ungefähr 80 Einwohnern direkt an der polnischen Grenze, also ziemlich „janz weit draußen – vor der Stadt, vor den Metropolen“, dort wo sich Wolf, Wildschwein und Kranich gute Nacht wünschen. Er sagt: „Aus der Großstadt „aufs Land“ zu wechseln ist ein gewaltiger Schritt. Es ist eben doch ganz schön anders. Es ist aber auch – ohne diesen Schritt zu verkitschen – wirklich ganz schön dieses Anderssein.“
Die im Rahmen des Strukturwandels diskutierte Digitalisierung ist für Michael Freudenberg eine Frage des Mindsets: „Das, was in den Köpfen ankommen muss, ist eine Denkweise. Wie muss ich denken, um mich in unserer Welt weiterzuentwickeln und weiter voranzukommen?“ Dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens dabei mitgenommen werden, sei eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Michael Freudenberg ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur neuZiel in Senftenberg. Seine Agentur erstellt Webseiten, entwickelt webbasierte Anwendungslösungen und berät Unternehmen auf ihrem digitalen Weg in die Zukunft. Bis 2014 war er als Administrator an der Hochschule Lausitz in Cottbus tätig – bevor er die Selbstständigkeit wagte.