Ideen haben

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, Abbruch und Aufbruch: Die Lausitz sucht ihre Zukunft.

Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten


„Das Wachstum der neuen, der innovativen Arbeitsplätze, das findet nicht statt auf dem Land“, verkündet Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, auf einer Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Publikation „Vereintes Land – drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall“. Seine Empfehlung an die Politik: Städte stärken, denn dort entstünden jene hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmten. Die Ministerpräsident*innen der neuen Bundesländer sind empört. Den Osten aufgeben hält Christian Hirte (CDU) für falsch und politisch inakzeptabel. Arbeitsplätze im ländlichen Raum auf Krampf zu erhalten, davon müsse man sich verabschieden, sagt Gropp und verweist dabei auf alte Strukturen. Doch Großstädte wie Berlin, Hamburg und München sind überfüllt, bezahlbarer Wohnraum wird vergebens gesucht. Bietet der ländliche Raum angesichts der Probleme des Stadtlebens nicht gerade jetzt eine Chance? Vielleicht braucht es nur Mut und Offenheit, neue Wege zu gehen und Ideen zu unterstützen, denn Ideen gibt es in der Lausitz.

Ideen umsetzen

Offenheit - das hätte Christina Grätz, Gründerin von Nagola Re, gebraucht, als sie versuchte eine Förderung für Ihre Unternehmensidee zu bekommen (Mehr zu Nagola Re findest Du in der Ideenkarte). Doch wie auch viele andere Gründer*innen und Visionär*innen, stieß sie auf Schubladen-Denken und Scheuklappen.

„Und um doch irgendwo Fördermittel zu kriegen, mussten wir uns immer verbiegen und das geht einfach nicht. Wenn ein Unternehmen entsteht, was es noch nicht gibt, dann passt das in keine Kategorie. In Deutschland hätte man niemals jemandem, der das Internet erfunden hat, Geld gegeben, weil der nirgendwo reingepasst hätte.“

Wo muss ich das beantragen?

Von langwierigen Entscheidungsprozessen und Hürden in der Zusammenarbeit mit Behörden kann Festivalmacher Alexander Dettke ein Lied singen. Als er und sein Team in der Lausitz landeten, gab es auch einige Vorfälle mit Behörden, die Dettke u.a. auf mangelnde Erfahrung mit Großveranstaltungen zurückführt. Es sei nicht immer klar, was man verlangen und welche Lärmschutzmaßnahmen man zum Beispiel aufschreiben könne, in welchem rechtlichen Rahmen sich so ein Festival bewege.

Aus dieser Erfahrung heraus hat Dettke beschlossen, mit dem brandenburgischen Ministerium für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Landwirtschaft (MLUL) eine Hilfestellung für Behörden und Festivals zu entwickeln, um Vorfälle wie bei der „Wilden Möhre“ 2017 zu verhindern. Nach und nach werde man aus solchen Fehlern und Problemen lernen – davon ist Dettke überzeugt. Die Bereitschaft für eine bessere Zusammenarbeit sei da, aber es gebe noch zu wenig Lernerfahrung in dem Bereich in Brandenburg.

Einen Papierschredder für die Lausitz, bitte!

Bürokratie schafft außerdem jede Menge Frust, Wartezeiten und Hürden, die kreative Köpfe und Visionär*innen und Unternehmer*innen davon abhalten, zu gründen und sich auch in Regionen wie der Lausitz niederzulassen. Um es Gründer*innen zu erleichtern, den Schritt in die Selbstständigkeit zu gehen, und Räume für kreative Ideen zu schaffen, entstehen seit Mitte der 2000er diverse Zentren, Agenturen und Anlaufstellen: 2006 das Gründerzentrum Cottbus, 2009 die Wirtschaftsinitiative Lausitz (WiL), 2017 die NEOpreneuers – um nur einige zu nennen. In Cottbus soll auf knapp 4000m2 ein Neubau für ein neues Gründerzentrum entstehen – knapp elf Millionen Euro fließen vom Land Brandenburg in das Vorhaben. Diese Entwicklung empfindet Christina Grätz als problematisch: „Da werden Strukturen geschaffen für Gründer-Agenturen und Organisationen, die den Strukturwandel begleiten sollen, die Firmen finden sollen mit Ideen. Da fließt unheimlich viel Geld rein.“ Würde man dieses Geld direkt Unternehmer*innen und Unternehmen in der Region zur Verfügung stellen, könne man einen Mehrwert generieren, sagt sie weiter.

Bürokratieabbau, Flexibilität, Offenheit und Mut über den Tellerrand zu schauen, das ist auch im Sinne von Holger Seidlitz, Professor für Leichtbau an der BTU Cottbus, der immer wieder - im wörtlichen Sinne - an die Grenzen stößt.

Wer kommt zu Wort?

Die Lausitz hat eine Zukunft – davon ist der 31-jährige Alexander Dettke überzeugt. 2013 gründete er gemeinsam mit Freunden das Kunst- und Musikfestival Wilde Möhre auf einem alten Tagebaugelände bei Drebkau. Dettke, der lange in Chicago und Japan gelebt hat, kam 2009 zum Studieren nach Berlin. Gemeinsam mit seinen Freunden initiierte er einen philosophischen Zirkel, von dem er sich Antworten auf die großen Fragen des Lebens versprach: Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Welche Werte zählen? Die vielen Berliner Freiluft-Partys inspirierten Dettke und seine Freunde damals dazu eigene Veranstaltungen zu organisieren – und diese mit ihrer Philosophie eines guten Lebens zu verbinden. Für die Utopie, die sich Dettke und seine Freunde ausgemalt hatten, war Berlin jedoch irgendwann zu klein, zu oberflächlich, zu destruktiv. Daraufhin suchte er nach einem Platz mit Paradiespotential – und fand ihn in der südbrandenburgischen Pampa.
Wo 1986 noch das Dorf Radeweise eingezeichnet war, findet sich auf der Karte heute ein weißer Fleck. Ihren Heimatort nahe Spremberg gibt es nicht mehr. Christina Grätz gehört zu den schätzungsweise 120.000 Menschen, die ihr Zu Hause für die Kohle verlassen mussten. In ihrer Jugend hat die heute 44-Jährige gegen die „Scheißkohle“ demonstriert. Aber das ist lange her. Als sie erwachsen wurde, merkte sie, dass sie den Kohleabbau nicht verhindern kann – und konzentrierte sich stattdessen darauf, der Natur etwas wiederzugeben. Nachdem die studierte Biologin zehn Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet hatte, hat sie 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Seither bringt sie ehemalige Tagebaue mit ihrer Firma Nagola Re wieder zum Blühen – und ist damit sehr gefragt, Dass ihre Idee so einschlägt, hat Christina Grätz während der Gründung nicht geahnt. Der Start war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Damit es andere Gründer künftig einfacher haben, mit ihren Ideen in der Wirtschaft Fuß zu fassen, wünscht sie sich weniger Bürokratie und mehr Flexibilität.
Nicht nur, weil er selbst 1981 in der geteilten Stadt Guben geboren ist, ist Juniorprofessor Holger Seidlitz die Zusammenarbeit mit Polen wichtig. In der internationalen Kooperation sieht er noch viele ungenutzte Chancen für die Zukunft der Lausitz. Vor allem die einseitig national ausgerichtete Förderkultur schränke länderübergreifende wissenschaftliche Projekte derzeit noch ein. Seit März 2015 leitet Holger Seidlitz das Fachgebiet Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen an der BTU Cottbus-Senftenberg. Sein Spezialgebiet sind Neuentwicklungen im Bereich der Faserverbundwerkstoffe. Mit seinen Studierenden hat er u.a. ein neuartiges, besonders robustes Snowboard aus über 10 Schichten verschiedenster Materialien konstruiert und gebaut. Davor hat er in Senftenberg, Dresden und Chemnitz studiert, promoviert und gearbeitet. Die Geschichte des heute 37-Jährigen ist so auch die eines erfolgreichen Rückkehrers, der die Zukunft im Süden Brandenburgs aktiv mitgestaltet.
Als Christine Herntier 2014 die freie Wirtschaft verließ und zur Bürgermeisterin Sprembergs gewählt wurde, ahnte sie nicht, wie vielen Papierbergen sie sich stellen muss, um etwas zu verändern. Nach fünf Jahren sagt sie, habe sich eine gewisse Resignation eingestellt, doch sie kämpft für Spremberg und die Region. Denn so einen Einbruch wie in den 90er Jahren will sie nicht noch einmal erleben. Als Sprecherin der Lausitzrunde vertrat sie die Lausitz in den Verhandlungen der Kommission für Wachstum, Struktur und Beschäftigung. Die Empfehlungen der Kommission seien eine Chance, nun brauche es Mut, sie zu ergreifen. Christine Herntier ist geboren und aufgewachsen in Spremberg.
2010 hat Jan Hufenbach die Liebe nach zehn Jahren Vollgas in Berlin gut 200 km südlich in den Landkreis Görlitz gezogen. Dort lebt und arbeitet der Raumpionier nun in einem kleinen Dorf mit ungefähr 80 Einwohnern direkt an der polnischen Grenze, also ziemlich „janz weit draußen – vor der Stadt, vor den Metropolen“, dort wo sich Wolf, Wildschwein und Kranich gute Nacht wünschen. Er sagt: „Aus der Großstadt „aufs Land“ zu wechseln ist ein gewaltiger Schritt. Es ist eben doch ganz schön anders. Es ist aber auch – ohne diesen Schritt zu verkitschen – wirklich ganz schön dieses Anderssein.“
Die im Rahmen des Strukturwandels diskutierte Digitalisierung ist für Michael Freudenberg eine Frage des Mindsets: „Das, was in den Köpfen ankommen muss, ist eine Denkweise. Wie muss ich denken, um mich in unserer Welt weiterzuentwickeln und weiter voranzukommen?“ Dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens dabei mitgenommen werden, sei eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Michael Freudenberg ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur neuZiel in Senftenberg. Seine Agentur erstellt Webseiten, entwickelt webbasierte Anwendungslösungen und berät Unternehmen auf ihrem digitalen Weg in die Zukunft. Bis 2014 war er als Administrator an der Hochschule Lausitz in Cottbus tätig – bevor er die Selbstständigkeit wagte.