Vertrauen suchen und finden

Zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit, Abbruch und Aufbruch: Die Lausitz sucht ihre Zukunft.

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Kann die Lausitz zum Sehnsuchtsort für Millenials werden? Ja, sagt der 31-jährige Alexander Dettke, Festivalgründer der Wilden Möhre. Seit 2013 organisiert er das nach der krautigen Mutter der Speisekarotte benannte Kunst- und Musikfestival. 5000-6000 junge Menschen schwärmen dafür jedes Jahr aus allen Himmelsrichtungen auf ein altes Tagebaugelände bei Drebkau. Im Möhriversium verbringen sie fünf spätsommerliche Festivaltage fernab ihres Alltags. Wie aus einer anderen Welt wirkt das Event mit selbstgebauten Hütten und Häuschen, fantasievoll dekorierten Bars, Workshops u.a. zu nachhaltigem Konsum, Rassismus und Feminismus, Kunst und Musik – eine „Blaupause“, ein „Sozialexperiment“.

Mehr als 5000 junge Menschen schwärmen jedes Jahr ins Möhriversium, um für fünf Tage an Alexander Dettkes Utopie teilzuhaben. (Quelle: Wilde Möhre)
Für die Utopie, die sich Dettke und seine Freunde ausgemalt hatten, war Berlin irgendwann zu klein. Die Festival-Visionäre haben sich dann auf die Suche nach freien Flächen gemacht – und so in die Lausitz gefunden. Der Leerstand, den die Menschen hier vielerorts beklagen, bedeutete für sie Freiraum zu gestalten. Ein Luxus, den es in Berlin so nicht mehr gibt.

Stadtpflanzen, die auf Landeier treffen

Wenn Zugezogene auf Alteingesessene stoßen, sind Vorbehalte und Berührungsängste oft unausweichlich. Auch Dettke und sein Team haben das zu spüren bekommen. Nicht alle waren glücklich über die „Verrückten aus Berlin“, die sich in Göritz, nahe der etwa 6.000 Einwohner großen Stadt Drebkau niederließen und dort ihr Festival planten. Der Eigentümer des Geländes, Ostrock-Legende Arnfried Schober, auch bekannt als „Der Gelbe Wahnfried“, veranstaltete bereits regelmäßig Rock- und Goa-Events – zum Leid der Anwohner. So fanden sich Dettke und sein Team nach ihrer Entscheidung für den Festivalort direkt in einem festgefahrenen Konflikt wieder und versuchten zunächst, die Wogen zu glätten. Ernst genommen wurden sie dabei anfangs jedoch nicht – zu groß sei das Misstrauen den vermeintlich fremden, jungen Chaoten gegenüber gewesen. Die Anwohner*innen fürchteten um ihre Interessen und den Umweltschutz. Dass Dettke Umweltverträglichkeit, soziale Verantwortung und eine nachhaltige Lebensweise wichtig sind, musste er erst einmal beweisen. Das war mit „viel Überzeugungsarbeit“ und „vielen frustrierenden Erlebnissen“ verbunden, erinnert er sich.

Von einer ähnlichen Erkenntnis können auch Jan Hufenbach und seine Frau Arielle Kohlschmidt berichten. Das Paar lebte lange in Berlin, bevor es 2010 das Land für sich entdeckt hat und ins 80-Einwohner-Dorf Klein Priebus in der Oberlausitz gezogen ist. Seither genießen die beiden ihr Leben mit Sohn Jasper und zwei Katzen in einem Haus an der Neiße. So sehr, dass sie ihre Begeisterung in die Welt hinaustragen wollten. Vom Pioniergeist zeugt auch eine farbenfrohe Fahne in ihrem Garten. Darauf: ein Wanderer im abenteuerlichen Astronautenanzug. Mit ihrer Raumpionierstation Oberlausitz beraten und begleiten sie Menschen, die überlegen, es ihnen gleich zu tun. Die Pioniere wollen ihre Erfahrungen mit der “Pampa” teilen, Zuzügler*innen und Rückkehrer*innen den Neustart erleichtern und zu einer Vernetzung beitragen. Auf ihrer Website portraitieren die beiden außerdem Menschen, denen der Schritt in die ländliche Region geglückt ist. Darunter finden sich zum Beispiel ein Ehepaar in den Siebzigern, das lange in Bolivien lebte, bevor es nach Görlitz fand oder eine international bekannte Künstlerin, die nach einer Auszeit in New York wieder in der Lausitz wohnt.

Raumpionierberatung
Jan Hufenbach berät interessierte Raumpioniere in seinem Garten in Klein Priebus. (Quelle: Arielle Kohlschmidt)
Schon von weitem zeigt eine Fahne auf Hufenbachs und Kohlschmidts Grundstück: hier wohnen Raumpioniere. (Quelle: Daniela Schulze)

Landleben heißt sehen und gesehen werden

Wichtig ist Kohlschmidt und Hufenbach, dass sie den Stadtpflanzen kein falsches Bild vom Leben auf dem Land vermitteln. Das Leben in einem Dorf ist oft nicht das, was romantisierende Landleben-Magazine verkaufen, sondern mit Abstrichen und Herausforderungen verbunden. Wie Festivalmacher Dettke haben sich auch die Raumpioniere Kohlschmidt und Hufenbach zunächst um ein Vertrauensverhältnis zu den Anwohner*innen bemüht.

Ein Geben und Nehmen, das in einem Dorf mit seinen festen Gefügen oft einen größeren Wert hat als in der Großstadt. Wenn man sich darauf einlässt, eröffnet einem dieses engmaschige Netz laut Hufenbach viele Möglichkeiten, sich einzubringen und zu gestalten.

Auch die Städte reißen sich um Zuzügler*innen

Neben von Gründer*innen selbst angestoßenen Initiativen wie der Raumpionierstation Oberlausitz gibt es kommunale Anlaufstellen, die meist von lokalen Wirtschaftsförderungen getragen werden. Auch hier können Unentschlossene sich informieren, wenn sie mit dem Gedanken spielen, der Metropole den Rücken zu kehren. Eine solche Initiative, die Bürgermeisterin Christine Herntier 2016 mit angeregt hat, gibt es zum Beispiel in der selbsternannten „Perle der Lausitz“ Spremberg.

Bei Heimvorteil Spremberg – Heeme fehlste kommen monatlich ehemalige Rückkehrer*innen, Zuzügler*innen, aber auch langjährige Spremberger*innen zusammen, tauschen sich aus, organisieren Rückkehrertreffen oder versenden Postkarten an Freund*innen und Bekannte.


Die Spremberger Rückkehrerporstkarte zeigt: hier fehlt was. (Quelle: Stadt Spremberg)

Die Spremberger Rückkehrerporstkarte zeigt: hier fehlt was. (Quelle: Stadt Spremberg)

Das Interesse sei groß, sagt Citymanagerin Madlen Schwausch: “In unserem gelisteten Netzwerk von interessierten Rückkehrern sind wir bei ca. 100 Familien oder einzelnen Personen, die kurz- oder langfristig Interesse an einer Rückkehr nach Spremberg haben”. Bürgermeisterin Christine Herntier freut sich über die Neugierde – denn der demographische Wandel hat die Region fest im Griff.

Während 1990 noch knapp 1,4 Mio. Menschen in der Lausitz lebten und arbeiteten, waren es 2012 nur noch 1,1 Mio – ein Bevölkerungsrückgang von 22 %. Dieser Trend wird sich laut eines 2014 veröffentlichten Gutachtens des ifo Instituts vermutlich fortsetzen, sodass im Jahr 2030 voraussichtlich nur noch ca. 0,87 Mio. Einwohner verbleiben. Aber nicht nur die Zahl der hier lebenden Menschen hat sich deutlich verändert – auch ihre Altersstruktur. Die Lausitz wird, wie viele ländliche Regionen Deutschlands, immer älter.

Wie alt ist der durchschnittliche Lausitzer?

Richtig! Der durchschnittliche Lausitzer ist zwischen 45 und 48 Jahre alt.

Nicht ganz. Der durchschnittliche Lausitzer ist zwischen 45 und 48 Jahre alt.

Raumpioniergeist braucht Rückendeckung

Junge Leute zieht es vor allem in die belebten Großstädte. Nur einige Ausnahmen wandern gegen den Trend zurück – und bringen eine urbane Leichtigkeit und Kreativität aufs Land, die auf die Anwohner*innen zurück strahlt, sie ihre Heimat mit anderen Augen sehen lässt. Ein Perspektivwechsel, der eine gute Voraussetzung für die bevorstehenden Veränderungen in der Region sein kann. Neben dem nötigen Raumpioniergeist, den Zuzügler*innen wie Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach versprühen, braucht es jedoch auch handfeste Hilfen seitens der Verwaltung und der Politik, damit junge Projekte und Initiativen dauerhaft bestehen und wachsen können.

Von den Raumpionieren organisierte “Landebahn für
Landlustige” am 6.Oktober 2018. © Arielle Kohlschmidt

Von den Raumpionieren organisierte “Landebahn für Landlustige” am 6.Oktober 2018. © Arielle Kohlschmidt

Alexander Dettkes Festival stand aufgrund mangelnder Unterstützung im Sommer 2018 bereits vor dem Aus. Nach mehreren überstandenen Konflikten mit Anwohnern und Behörden drohte ein Bebauungsplanverfahren der Möhre im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Der Grund: die Festivalmacher hatten anfangs ohne Genehmigung auf dem Gelände gebaut. Eine mit dem Verfahren einhergehende Geländevermessung würde jedoch mehrere zehntausend Euro kosten – eine für die Festivalmacher nicht ohne Weiteres zu stemmende Summe. Als das Team verkündete, dass die Möhre 2018 zum letzten Mal stattfinden werde, hat sich überraschend der neue Drebkauer Bürgermeister Paul Köhne eingeschalten. Mit Erfolg: die Möhre kann vorerst weiter bestehen. Die Festivalbesucher aus der Umgebung freut es. Wenn Festivalmacher Alexander Dettke in der Lausitz wohnen würde, wäre ein Event wie das seine für ihn sogar ein Grund mehr, um zu bleiben: „Man würde feststellen, hier passiert was.“ Und das tut der Region gut, macht sie auch für potentielle Rückkehrer*innen und Zuzügler*innen interessanter. Warum er selbst nicht in der Lausitz wohnt?

Wer kommt zu Wort?

Die Lausitz hat eine Zukunft – davon ist der 31-jährige Alexander Dettke überzeugt. 2013 gründete er gemeinsam mit Freunden das Kunst- und Musikfestival Wilde Möhre auf einem alten Tagebaugelände bei Drebkau. Dettke, der lange in Chicago und Japan gelebt hat, kam 2009 zum Studieren nach Berlin. Gemeinsam mit seinen Freunden initiierte er einen philosophischen Zirkel, von dem er sich Antworten auf die großen Fragen des Lebens versprach: Was ist Liebe? Was ist Freundschaft? Welche Werte zählen? Die vielen Berliner Freiluft-Partys inspirierten Dettke und seine Freunde damals dazu eigene Veranstaltungen zu organisieren – und diese mit ihrer Philosophie eines guten Lebens zu verbinden. Für die Utopie, die sich Dettke und seine Freunde ausgemalt hatten, war Berlin jedoch irgendwann zu klein, zu oberflächlich, zu destruktiv. Daraufhin suchte er nach einem Platz mit Paradiespotential – und fand ihn in der südbrandenburgischen Pampa.
Wo 1986 noch das Dorf Radeweise eingezeichnet war, findet sich auf der Karte heute ein weißer Fleck. Ihren Heimatort nahe Spremberg gibt es nicht mehr. Christina Grätz gehört zu den schätzungsweise 120.000 Menschen, die ihr Zu Hause für die Kohle verlassen mussten. In ihrer Jugend hat die heute 44-Jährige gegen die „Scheißkohle“ demonstriert. Aber das ist lange her. Als sie erwachsen wurde, merkte sie, dass sie den Kohleabbau nicht verhindern kann – und konzentrierte sich stattdessen darauf, der Natur etwas wiederzugeben. Nachdem die studierte Biologin zehn Jahre in einem Ingenieurbüro gearbeitet hatte, hat sie 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Seither bringt sie ehemalige Tagebaue mit ihrer Firma Nagola Re wieder zum Blühen – und ist damit sehr gefragt, Dass ihre Idee so einschlägt, hat Christina Grätz während der Gründung nicht geahnt. Der Start war mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Damit es andere Gründer künftig einfacher haben, mit ihren Ideen in der Wirtschaft Fuß zu fassen, wünscht sie sich weniger Bürokratie und mehr Flexibilität.
Nicht nur, weil er selbst 1981 in der geteilten Stadt Guben geboren ist, ist Juniorprofessor Holger Seidlitz die Zusammenarbeit mit Polen wichtig. In der internationalen Kooperation sieht er noch viele ungenutzte Chancen für die Zukunft der Lausitz. Vor allem die einseitig national ausgerichtete Förderkultur schränke länderübergreifende wissenschaftliche Projekte derzeit noch ein. Seit März 2015 leitet Holger Seidlitz das Fachgebiet Leichtbau mit strukturierten Werkstoffen an der BTU Cottbus-Senftenberg. Sein Spezialgebiet sind Neuentwicklungen im Bereich der Faserverbundwerkstoffe. Mit seinen Studierenden hat er u.a. ein neuartiges, besonders robustes Snowboard aus über 10 Schichten verschiedenster Materialien konstruiert und gebaut. Davor hat er in Senftenberg, Dresden und Chemnitz studiert, promoviert und gearbeitet. Die Geschichte des heute 37-Jährigen ist so auch die eines erfolgreichen Rückkehrers, der die Zukunft im Süden Brandenburgs aktiv mitgestaltet.
Als Christine Herntier 2014 die freie Wirtschaft verließ und zur Bürgermeisterin Sprembergs gewählt wurde, ahnte sie nicht, wie vielen Papierbergen sie sich stellen muss, um etwas zu verändern. Nach fünf Jahren sagt sie, habe sich eine gewisse Resignation eingestellt, doch sie kämpft für Spremberg und die Region. Denn so einen Einbruch wie in den 90er Jahren will sie nicht noch einmal erleben. Als Sprecherin der Lausitzrunde vertrat sie die Lausitz in den Verhandlungen der Kommission für Wachstum, Struktur und Beschäftigung. Die Empfehlungen der Kommission seien eine Chance, nun brauche es Mut, sie zu ergreifen. Christine Herntier ist geboren und aufgewachsen in Spremberg.
2010 hat Jan Hufenbach die Liebe nach zehn Jahren Vollgas in Berlin gut 200 km südlich in den Landkreis Görlitz gezogen. Dort lebt und arbeitet der Raumpionier nun in einem kleinen Dorf mit ungefähr 80 Einwohnern direkt an der polnischen Grenze, also ziemlich „janz weit draußen – vor der Stadt, vor den Metropolen“, dort wo sich Wolf, Wildschwein und Kranich gute Nacht wünschen. Er sagt: „Aus der Großstadt „aufs Land“ zu wechseln ist ein gewaltiger Schritt. Es ist eben doch ganz schön anders. Es ist aber auch – ohne diesen Schritt zu verkitschen – wirklich ganz schön dieses Anderssein.“
Die im Rahmen des Strukturwandels diskutierte Digitalisierung ist für Michael Freudenberg eine Frage des Mindsets: „Das, was in den Köpfen ankommen muss, ist eine Denkweise. Wie muss ich denken, um mich in unserer Welt weiterzuentwickeln und weiter voranzukommen?“ Dass alle Mitarbeiter eines Unternehmens dabei mitgenommen werden, sei eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen digitalen Wandel. Michael Freudenberg ist Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur neuZiel in Senftenberg. Seine Agentur erstellt Webseiten, entwickelt webbasierte Anwendungslösungen und berät Unternehmen auf ihrem digitalen Weg in die Zukunft. Bis 2014 war er als Administrator an der Hochschule Lausitz in Cottbus tätig – bevor er die Selbstständigkeit wagte.